Bilder digitalisieren - ein kleiner Erfahrungsbericht

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Günter T
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Bilder digitalisieren - ein kleiner Erfahrungsbericht

#1 Beitrag von Günter T » So 19. Apr 2020, 23:52

Hallo,

für Interessenten bzw. Neulinge der Scannerei hab ich mal ein paar Erfahrungen und Verfahrensweisen zusammengestellt.


Diafilme

Jahrelang durfte ich die Fotoausrüstung meines Vaters nutzen, der meistens als Diafilm den Agfa CT 18 verwendete.
1974 stieg ich dann auf den Agfachrome 50S um; ein aus heutiger Sicht für mich sehr enttäuschendes Produkt: grobkörnig und farbinstabil.
Ab 1978 verwendete ich den Kodachrome 64 (KC 64); extrem scharf und bis heute im Wesentlichen farbstabil.



Kamera

1979 hatte ich dann endlich eine eigene Spiegelreflexkamera: Canon AE 1; Markenobjektive, meist mit festen Brennweiten (Favorit: 85 mm).



Filmscanner

2003 legte ich mir einen NIKON LS 40 zu, der natürlich heute recht altesschwach geworden ist. Dazu die Software Silverfast Ai Studio B.
Leider gibt es heute m. E. keine bezahlbaren fabrikneuen Filmscanner mehr, die dieser Produktfamilie das Wasser reichen könnten.

2013 hatte ich mir als Ersatz für meinen Nikon für etwa 350 Euro den Reflecta ProScan 7200 besorgt.
https://www.filmscanner.info/ReflectaProScan7200.html
Dazu wieder die Software Silverfast Ai Studio B für etwa 200 Euro.
Im Großen und Ganzen akzeptabel. Aber in den Feinheiten sieht man doch schon Unterschiede zum Nikon.

Reflecta löste 2014 den 7200 durch den ProScan 10T ab, der m.E. effektiv kaum besser ist, aber teurer:
https://www.filmscanner.info/ReflectaProScan10T.html


Scannen

Die Schwachstelle ist auf jeden Fall der Scanprozess, bei dem grundsätzlich Farben und Brillianz verloren gehen. Mit einer guten Scannersoftware wie Silverfast Ai Studio 8 kann man aber theoretisch die Eigenarten der Verluste durch eine Kalibrierung kompensieren, so dass ein gut angenähertes Produkt für den PC zur Verfügung gestellt wird. Ein Kodachrome 64-Target hatte ich mir mal vor ein paar Jahren zu einem noch erschwinglichem Preis zugelegt. Die Target-Kalibrierung dauert etwa eine Minute. Ein Vergleich zeigte aber, dass meine zeitintensive manuelle Kalibrierung durch Probieren letzt genau so gut war. Fazit zum Target: schnell, aber auch nicht perfekt.

Der Workflow beim Scannen ist eine Wissenschaft für sich. Silverfast Ai lässt ihn aber auf Wunsch automatisch ablaufen.
Hier sollte jeder selbst durch Probieren herausfinden, was unverzichtbar ist.
Hat man das Vorschaubild per Bedienung der Software optimal in Helligkeit, Kontrast, Farbsättigung usw. bearbeitet, startet man den Scanvorgang, der mindestens 2 Minuten dauert.

Beide Scanner beherrschen das ICE-Verfahren zur Unterdrückung von Bildstörungen (Staub, Kratzer). Im Prinzip toll, aber nicht für SW-Filme oder den Kodachrome 64 zulässig (Silberanteil!).
Der Aufwand beim Nachbearbeiten ist also für den verwendeten Kodachrome 64 relativ hoch, weil sich ICE verbietet - das Ergebnis würde wegen der Besonderheit des KC 64-Filmmaterials hässliche Unschärfen verursachen.

Silverfast schickt nach Beendigung des Scanvorganges das digitale Bild in das Photoshop-Arbeitsfeld und kann dort direkt bearbeitet werden.



Bildbearbeitungsprogramm, hier: Photoshop

Ich kann PS CS 5 meines Sohnes mitnutzen, der ihn als Schüler/Student für knapp 200 Euro stark ermäßigt erwarb.
Kostenlos legal bekommt man den CS 2 angeblich hier:
https://www.chip.de/downloads/Photoshop ... 62951.html


Dann geht's bei mir also mit Photoshop los. Bei Bedarf gehe ich die folgenden Arbeitsschritte - grundsätzlich in dieser Reihenfolge - durch:

- Bild gerade richten (Drehen)

- stürzende Linien ausrichten (Bearbeiten > Transformieren > Perspektivisch)

- dunkle Ecken (hervorgerufen durch das Objektiv), also Vignetten?
FILTER / OBJEKTIVKORREKTUR / BENUTZERDEFINIERT / VIGNETTE. Hier behutsam die STÄRKE regeln, bis die Ecken nicht mehr so auffallen.

- Jetzt Rahmen neu per Freistellungswerkzeug (z. B. 15 X 10 cm bei 600 Pixeln) setzen. In dieser Auflösung speichere ich später also meine Bilder im "Scan-Archiv).

- zu dunkle Schattenpartien leicht aufhellen (Bild > Korrekturen > Tiefen/Lichter); siehe meinen speziellen Beitrag in diesem Unterforum http://www.bw-kottenheim.de/viewtopic.php?f=29&t=946

- Grauabgleich (Teil der Tonwertkorrektur); ist besser als Weißabgleich

- Tip: Probiert jetzt routinemäßig BILD / AUTO FARBTON und dann BILD / AUTO FARBE. In einem Drittel der Fälle eine deutliche Verbesserung. Bei „Verschlimmbesserung“ einfach BEARBEITEN / SCHRITT ZURÜCK und dann wie folgt weiter.

- Farbbalance herstellen (wie stets: natürlich nur bei Bedarf)

- eventuell weitere dezente Farbkorrekturen, um der Realität näher zu kommen (FARBTON/SÄTTIGUNG, evtl. auch die SELEKTIVE FARBKORREKTUR)
Tip: Bei Letzterer im Schwarzbereich die Schatten bearbeiten, die auch bei mir oft farbstichig sind.

- Manche Farbstiche lassen sich auch so mindern: BILD / KORREKTUREN / TONWERTKORREKTUREN: Ist der Himmel beispielsweise etwas gelbstichig, dann KANAL / BLAU wählen und den rechten Schieber leicht nach links bewegen. Bei anderen Farbstichen geht es entsprechend. Einfach mal ausprobieren.

- eventuell noch Korrekturen in der Helligkeit und im Kontrast

- manuelle Staub- und Kratzerentfernung (Stempel, Reparaturpinsel). Natürlich gibt es da auch eine Reihe von Werkzeugen und Softwareprodukten, die das "im Gießkannenprinzip" flächig absolvieren. Ich nutze das jedoch nur in Ausnahmefällen, da sie häufig Details wie kleine Schriftzeichen als Störer plattmachen.

- Jetzt eine solche Basis-Datei im tif-Format (oder in der höchsten jpg-Stufe) für das Scan-Archiv abspeichern. Die weiteren Schritte könnten irreparabel sein, wenn man später etwas anders bearbeiten möchte.

- Bei mir nun Filmkornentfernung/Entrauschen. Zum Beispiel glatte Himmelspartien brauchen dann weniger Speicherplatz. Photoshop hat zwar ein Werkzeug, aber ich nutze hier seit vielen Jahren DFine 2.0). Ratsam ist es, nicht alles auf einen Schlag zu entrauschen, weil manche Bereiche wie beispielsweise Blattwerk oder Schotter Struktur verlieren; hier also Maskieren.

Rauschunterdrückung NIK Collection von Google (ab 2016 kostenlos):
Ein Superprogramm, das früher mal 200 Euro kostete. Ob man es wirklich heute noch frei erhält, weiß ich nicht.
https://www.tom-striewisch.de/wie-man-d ... rhaelt.htm
Heute verkauft nämlich ein Unternehmer das Produkt wieder für ca. 200 Euro.



- Nun die Anpassung für das Forum: Bild auf Forums-Größe bringen: 1400 X 1000 Pixel maximal

- Dezent schärfen mit "Unscharf maskieren" (gelingt nach einer Filmkornentfernung deutlich besser!); auch ein Thema für sich; jeder macht es anders.

- Im jpg-Format für die Internet-Präsentation im Forum-Archiv abspeichern. Ich habe also jeweils eine eigene Bildersammlung für hochaufgelöste und forumsverwendete Bilder.


Je dunkler ein Dia war, desto schwerer tue ich mich bei der Bearbeitung.
Und nicht vergessen: Zwischenergebnisse fleißig abspeichern, damit nicht 30 Minuten Arbeit umsonst waren.


Klingt sehr aufwändig, ist aber bei mir Routine - und man muss ja nicht alles machen.
Oberstes Prinzip: Sich weitestgehend den damaligen Realität annähern.
Die Mühe wäre aber umsonst, wenn man die Rahmenbedingungen wie beispielsweise die Nutzung eines regelmäßig kalibrierten Monitors vernachlässigt.


Es ist klar, dass so bearbeitete Bilder eben manchmal richtig knackig aussehen können. Die hochauflösenden Dateien für mein Archiv (tif oder jpg) reize ich hingegen noch nicht so ganz aus, weil z. B. eine Rücknahme einer übertriebenen Schärfung in der Regel ausscheidet. Bei allen Techniken und Fertigkeiten, die ich einsetze, verfolge ich also das Ziel, der Realität am nächsten zu kommen. Manchmal sehen die Ergebnisse - wegen der Entfernung der Körnung und der Beseitigung von Farbfehlern - in günstigen Fällen wie Digitalfotos aus. Für mich auch logisch, weil z.B. eben am Himmel in der Realität keine grauen oder bunten Körnchen zu sehen sind.

Und eines sollte man nicht unterschätzen: Patentrezepte gibt es hier nicht. Jedes Bild verlängt eine andere Behandlung; deshalb halte ich hier nicht viel von einer Fließbandproduktion.
Ohne gewisse Erfahrungen kommt man nicht weit – man muss mühselig dazulernen. Deshalb sind meine Scanergebnisse aus den ersten Jahren heute für mich nicht mehr zufriedenstellend.
Ich will damit keineswegs entmutigen, sondern nur prophezeien, dass man geduldig sein sollte..

Genausowenig ist Photoshop der Weg zum garantierten Erfolg. Zwar besitzt diese Software wohl fast alle Werkzeuge, um ordentliche Ergebnisse zu erzielen. Wer aber wie ich nur privat damit rumspielt, beherrscht dann eben nur 10% der angebotenen Werkzeuge.
Es gibt heute auch eine Reihe von kostengünstigen oder gar kostenlosen Bildbearbeitungsprogrammen, die nach Einarbeitung sehr gute Ergebnisse erzielen lassen.

Und warum bereitet mir das geduldige Digitalisieren so viel Freude? Weil ich dadurch tief in die gezeigten Sachverhalte und Atmosphären eintauche, schmerzliche technische Mängel mindern oder beseitigen kann und dadurch eine Zeitreise in eine schöne Bahnwelt machen kann. Manchmal finde ich mich dann annähernd in der Situation wieder, in der ich auf den Auslöser gedrückt hatte, kann aber einen dummen Fehler wie ein damals böses Verkanten wieder heilen.


Es grüßt Euch
Günter
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